Die Ruhr Universität Bochum hat angekündigt, den physischen Studentenausweis durch eine digitale Version zu ersetzen: https://studium.ruhr-uni-bochum.de/de/ausweis-fuer-studierende.
Der neue digitale Studierendenausweis soll dabei via der RUB Mobile App zugänglich sein, zudem verliert der physische Studierendenausweis seine Gültigkeit. Digitalisierung ist ein wichtiges Thema und wir begrüßen Entwicklungen in dieser Hinsicht prinzipiell. Entsprechend haben wir uns angesehen, wie die Universität dieses Vorhaben umsetzen möchte und sind leider zu dem Schluss gekommen, dass Barrierefreiheit und andere wichtige Aspekte dabei aus unserer Sicht nicht ausreichend bedacht wurden.
Zunächst einmal die Frage, womit die Uni die Einführung eines digitalen Ausweises begründet. Auf der Webseite der Uni heißt es dazu:
Mit der Einführung einer digitalen Immatrikulation war der physische Studierendenausweis endgültig kein zuverlässiger Nachweis der Identität (z.B. in Prüfungen) mehr, zudem hat das AkaFö aus eigener Initiative heraus eine neue App entwickelt und wird sie gemeinsam mit neuen Zahlungsprozessen herausbringen. Damit verliert der Studierendenaus als Plastikkarte seine zwei wesentlichen Bedeutungen. Übrig bleibt dann nur der Nachweis des Studierendenstatus gegenüber externen Einrichtungen. Zumindest an den Stellen, an denen die Ausführlichkeit der Studienbescheinigung nicht erforderlich ist. Zum Beispiel zur Rabattierung in Kinos, Museen oder bei Veranstaltungen. Produktion, Nachproduktion und Versand bei Ersteinschreibungen erzeugen hohe Aufwände und Kosten. Diese stehen in keinem wirtschaftlich angemessenen Verhältnis zum perspektivischen Nutzen. Um den Studierenden eine komfortablere Alternative als die Studienbescheinigung weiterhin anbieten zu können, haben wir uns für die nachhaltige Darstellung des Ausweises in RUB mobile entschieden.
Bevor wir auf den Text weiter eingehen, stellt sich vielleicht die Frage, warum ausgerechnet die RUB Mobile App dafür verwendet werden soll. Wer am Campusleben aktiv teilnimmt, weiß vermutlich bereits, dass es eine App vom AKAFÖ, eine App vom AStA und eine App von der Bibliothek neben der App der Uni gibt.
Hierzu schreibt die Uni:
Die App des AStA und des AkaFö wurden aus eigener Initiative entwickelt.
- Die App des AStA gibt es bereits seit vielen Jahren. Die RUB steht mit dem AStA in engem Austausch.
- Trotz intensiver Bemühungen seitens der Ruhr-Universität wollte das AkaFö eine eigene Lösung etablieren.
- Die App der Universitätsbibliothek wurde eingeführt, als die RUB noch die alte, nicht zukunfts– und ausbaufähige App betreiben hat.
Der Ausbau des Funktionsumfanges der neuen App soll stetig vorangetrieben werden. Dazu gehören auch Bemühungen zur stärkeren Integration. Darüber hinaus wird in naher Zukunft auch der Abruf des Semestertickets über RUB mobile möglich sein. So entfällt die Nutzung der Ride Ticket-App.
Basierend auf den beiden Textauszügen ergeben sich bereits mehrere Überlegungen. Zunächst wäre es spannend, warum der bisherige physische Ausweis kein Identitätsnachweis mehr in Prüfungen darstellen sollte.
Er enthält ein Bild der Person zusammen mit Name, Matrikelnummer und Ablaufdatum und wurde daher bei uns an der Fakultät auch zuletzt noch für Prüfungen genutzt. Zu einem gewissen Zeitpunkt, beispielsweise wenn 2 Faktor Authentifizierung eingerichtet wird oder eine Präsenzveranstaltung besucht wird, muss fast jeder sowieso persönlich an der Universität vorbeischauen. Es wäre kein Problem, vor der Ausgabe des Ausweises das Bild entsprechend persönlich mit einem Personalausweis gegenzuprüfen und weiterhin einen optionalen physischen Ausweis anzubieten. Die Kosten dafür, wenn beispielsweise die Regelzeit überschritten wurde und ein neuer Ausweis benötigt wurde oder ein Ausweis verloren ging, wurden bisher auch auf die Studenten umgelegt. Es sollte also kein Problem sein, weiterhin Ausweise zur Not gegen eine kleine Gebühr anzubieten. Eine ausgedruckte Immatrikulationsbestätigung enthält ebenfalls kein Bild und lässt sich vermutlich einfacher fälschen als eine physische Karte im RUB Design. Wer eine Prüfung im Namen einer anderen Person ablegen will, kann also auch den Personalausweis der Person und die ausgedruckte Immatrikulationsbestätigung verwenden.
Was ist mit anderen Einrichtungen?
Diese wollen in der Regel ebenfalls einen Nachweis mit Lichtbild sehen. Effektiv bedeutet das also, entweder die Immatrikulationsbescheinigung sowie einen Lichtbildausweis mitzunehmen und darauf zu hoffen, dass die Person gegenüber so etwas bereits gesehen hat und das Dokument für echt hält. Oder alternativ die App vorzuzeigen und zu hoffen, dass die andere Person einer App auf dem Handy vertraut, mangels Bild ebenfalls ein Ausweisdokument verlangt und ggf. einmal schief schaut, da andere Universitäten physische Ausweise nutzen und es nicht klar ist, ob es sich um eine offizielle App handelt. Abgesehen davon muss dann entsprechend das Handy funktionsfähig und aufgeladen mitgeführt werden. Beides sind Lösungen, die weniger komfortabel sind als die bisherige Lösung mit einem physischen, batterielosen Studierendenausweis mit Ablaufdatum und Lichtbild.
Bleibt also nur noch der Punkt mit dem Bezahlen übrig.
Hier ist die Hauptbegründung, dass das AKAFÖ seine eigene Suppe kocht und ebenfalls eine App verwenden will. Das rechtfertigt allerdings weder eine weitere App, die genutzt werden muss, noch dass das AKAFÖ eine App voraussetzt, was ein eigenes Problem an sich ist.
Dass die RUB im aktiven Austausch mit dem AStA steht, wirkt ebenfalls etwas unglaubhaft, da der AStA eine quelloffene App anbietet, in die eine solche Funktion seitens der Uni problemlos via GitHub hinzugefügt werden könnte. Und auch dass die Universitätsbibliothek eine eigene App benutzt, ergibt keinen Sinn. Wenn die RUB App inzwischen so zukunfts und ausbaufähig ist, dass der Studierendenausweis angeboten werden kann, dann hätte vorher die Bibliotheksapp integriert werden können, um die notwendigen Apps zu reduzieren. Hier gibt es keinen guten Grund, ohne längere Übergangsfristen und während noch eine weitere App notwendig ist, die Umstellung zu erzwingen, wie durch die bisherigen Argumente gezeigt.
Und auch das Ride Ticket ist kein Argument. Dieses kann in der Google und Apple Wallet hinterlegt werden. Warum nicht die gleiche Möglichkeit für den Studierendenausweis benutzen?
Es ist sowieso unerklärlich, warum die Universität weiterhin auf proprietäre Anwendungen setzt, wenn es bereits eine quelloffene Alternative durch den AStA gibt und die Universität Top Studenten im Bereich IT und IT Sicherheit hat. Selbst wenn die App vom AStA nicht genutzt wird, hat eine quelloffene Anwendung unzählige Vorteile, inklusive besserer Transparenz, was Sicherheit und Datenschutz angeht.
Aber selbst wenn man all diese Punkte beiseite lässt und annimmt, dass die App sinnvoll und gut begründet ist, ergibt sich ein weiteres Problem: Sie ist nicht barrierefrei.
Wir haben dazu selbst Tests durchgeführt und eine Testperson mit Sehbehinderung die Benutzung der App mit einem Screenreader testen lassen. Dabei haben wir gravierende Probleme festgestellt. Es scheint daher, dass keine oder kaum Ressourcen für die Entwicklung der App zur Sicherstellung der Barrierefreiheit als Designprinzip berücksichtigt wurden. Insbesondere sind beispielsweise folgende Punkte aufgefallen:
Die Startseite der App ist mit Vorlesesoftware schlecht navigierbar. Oben liegt die News Slideshow mit den RUB Kurznachrichten, hier können mitunter 22 Slides erscheinen. Mit der Vorlesesoftware muss man sich erst durch diese Inhalte bewegen, bevor man zu den eigentlichen Funktionskacheln darunter kommt. Für sehende Menschen ist sofort sichtbar: „Das da oben sind News, darunter sind die wichtigen Funktionen.“ Über den Screenreader bekommt man diese visuelle Übersicht offenbar nicht entsprechend vermittelt.
Unser Tester hat noch etwa 5 % Sehvermögen und kann unter Anstrengung erkennen, dass es sich um eine Slideshow handelt. Aber genau darauf sollte die Bedienbarkeit nicht angewiesen sein. Eine vollständig blinde Person kann diese Information gar nicht zusätzlich visuell erschließen. Und auch unser Tester sollte nicht seine Restsehfähigkeit maximal einsetzen müssen, um den Aufbau der App überhaupt zu verstehen.
Der digitale Studierendenausweis ist außerdem verwirrend auffindbar. Auf der Startseite gibt es eine Kachel „Wallet App“, die aber lediglich die Apple bzw. Google Wallet öffnet. Unser Tester hat genau deshalb zunächst gefragt, wo der Studierendenausweis überhaupt sei und ob er die richtige App habe. Dazu gibt es die RUB interne „Wallet“, in der der Studierendenausweis liegt. Dass zwei unterschiedliche Dinge praktisch denselben Namen tragen, ist für die Orientierung schlicht ungünstig.
Die Kacheln lassen sich zwar individuell verschieben, was theoretisch helfen könnte, wichtige Funktionen weiter nach vorne zu holen. Jedoch bekommt unser Tester beim Verschieben mit seiner Vorlesesoftware kein Audiofeedback darüber, was dieser gerade verschiebt bzw. wohin es verschoben wird. Damit ist diese Personalisierungsfunktion für Menschen mit Sehbehinderung nicht gleichwertig nutzbar.
Dazu kommen jedoch noch weitere Probleme, die bisher noch nicht aufgeführt wurden.
Beispielsweise benachteiligt die Einführung der App finanziell schwächere Studenten, da diese nun konstant auf ein Smartphone angewiesen sind. Finanzielle Mittel sollten nicht zwischen einem Studierenden und der Nutzung deren Studierendenausweises liegen. Es wurde auch keine alternative Möglichkeit für finanziell Benachteiligte oder anderweitig eingeschränkte Studenten oder Studenten, die aus persönlichen Gründen kein Smartphone nutzen möchten, geschaffen, da ab dem Wintersemester der physische Ausweis alternativlos seine Gültigkeit verliert.
Wie wir bereits ausgeführt haben, ist die Immatrikulationsbescheinigung dabei kein wirklich guter Ersatz und enthält zudem weitere sensible Daten, die der Ausweis bisher nicht enthalten hat. Aber auch Studenten, die aus anderen Gründen, Privatsphäre, Smartphone Sucht etc., kein Smartphone nutzen möchten, sind nun gezwungen, dies zu tun, sollten sie die Vorteile des Studierendenausweises nutzen wollen. Dies ist nicht zumutbar.
Daher sprechen wir uns gegen die Einführung eines rein digitalen Studierendenausweises aus und verlangen, dass wieder eine physische Alternative angeboten wird.
Dazu haben wir auch bereits einen Antrag ans Stupa gestellt und arbeiten mit verschiedenen Initiativen zusammen.